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...Dass Lesen und Verstehen durch eine »longue durée«, durch Gedächtnis und Erinnerung definiert sind, verdeutlich Sophie Aigner mit ihrer Arbeit IchhabekeinenZweifelwenndumirsagstdaßdukeinenZweifelhast (2013), die in Auszügen bereits auf den vier Covern dieser Ausgabe zu sehen ist. Es ist ein langer Satz und in der eigentlichen künstlerischen Publikation wird jedem Buchstaben eine Seite gewidmet. Doch verhandelt diese Arbeit mehr als nur einen Satz. In der Überlagerung von Symbol (Buchstabe) und Geste im Bild (»Victory«) bekommen wir es mit einem »Rauschen« zu tun, das eine eigentümliche Lese- und Seherfahrung erzeugt. Die Rezeption dieser Arbeit wird zu einer reflexiven Erfahrung, wenn wir innehalten, um den jeweils vorherigen Buchstaben wieder in Erinnerung zu rufen – denn erst dann ergibt sich der Sinn des Satzes. Doch das Lesen will in Sehen umkippen, dann, wenn wir den Vordergrund (Buchstabe) verlassen, um im Hintergrund (Bild) versinken zu wollen. Was ist hier zentral, was peripher? Vorn oder hinten? Symbol oder Bild?

Eva Frey und Frederik Rettberg
in: Die Nadel - Peripherie, Ausgabe Nr 2, 2013

Schon etymologisch liegt dem Zweifel ein Dualismus zugrunde. Aus dem Althochdeut- schen zwival, soviel bedeutend wie zwiespäl- tig, stammend präsentiert sich der Zweifel als ein Schwanken zwischen zwei Gewisshei- ten, das in der Ungewissheit des Zweifels resultiert. Wir kennen verschiedene Ausprä- gungen des Zweifels, vom leisen (?Leise) hin zum starken und erleben ihn nicht selten als belastend, weil ein Moment des Zögerns, des Zauderns in ihm angelegt ist, der beim Schaffen und Fortschreiten hinderlich ist.
Gleichzeitig ist der Zweifel ein Schutzme- chanismus, der uns vor Vertrauensseligkeit bewahrt, leider jedoch auch vor der Hingabe.
Während das (Hinter-)Fragen im Bereich der Philosophie eine etablierte Position und Methode ist, wird im religiösen Kontext der
Zweifel mit Frevel gleichgesetzt (»Dies Buch ist vollkommen, es ist kein Zweifel in ihm.« Sure 2.2, Koran), weil er dem Glauben ent- gegengesetzt ist.
Die Künstlerin Sophie Aigner hat in ihrem künstlerischen Buchprojekt Ichhabekeinen Zweifel,wenndumirsagst,dassdukeinenZweifelhast (2012–14) die einzelnen Buchstaben des Ti- tels mit Found-Footage-Fotografien von Menschen unterschiedlichen Alters und Herkunft kombiniert, die allesamt die Hand- geste des Victory-Zeichens ausführen. Diese Geste (?Geste) steht sinnbildlich für Zuver- sicht, einem dem Zweifel diametral entge- gengesetzten Gefühl. In Kombination mit der Schrift, die sich erst in einer Gesamt- übersicht der Abbildungen oder einem dau- menkinoartigen Durchblättern des Buches inhaltlich erfassen lässt, wird die Spur des Zweifels in die fröhliche Fassade der Foto- grafien gelegt.
Auch der Titel der Arbeit kann dabei auf zweierlei Weise verstanden werden: Ich be- zweifle nicht deine Zweifellosigkeit oder aber: Deine Zweifellosigkeit bedingt die Til- gung aller meiner Zweifel.
Da der Zweifel jedoch eine Grundbedin- gung der geistigen und reflektierten künstle- rischen Arbeit ist, lässt sich die Annahme einer Ausräumung aller Zweifel an sich be- zweifeln und hält die Arbeit in einer beklem- menden Schwebe(?Jein).

Literatur:
Der Koran, übers. v. Rudi Paret, Stuttgart 2004.
Brecht, Bertolt: Werke, Große kommen- tierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. XIV, Frankfurt a. Main 1993.

Text: Anne Brannys
Abschlussarbeit Doctor of Philosophy (Ph.D.)
Fakultät Gestaltung der Bauhaus-Universität Weimar, 2014