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Einige Fragmente zu einigen Fragmenten

1.
Wo der Rotz rausfließt, da fließt er auch wieder hinein. Das gilt zumindest, wenn man ihn hochzieht. Allerdings gibt’s auch diesen Punkt, an dem er dann einfach läuft: über die Lippen, aufs Kinn, Blasen schlagend. Und dann ist’s auch vorbei mit dem Hochziehen. Zahnpasta kann man ja auch nicht zurück in die Tube quetschen, ein Taschentuch nicht zurück in die Packung pfriemeln und zerbrochene Krüge lassen sich zwar zusammenkleben, aber das Unglück kann man so nicht kaschieren.

2.
In Sophie Aigners Fotografie Falt-und Lehntattoos lässt sich eine interne Zeitlichkeit ausmachen, eine sich aus dem Bildaufbau ergebende Dramaturgie: Zunächst ist ein zerstörtes Treppenhaus zu erkennen, beziehungsweise es ist das Bild eines zerstörten Treppenhauses zu sehen, das von einem Einschnitt durchbrochen wird, der den Blick auf eine abstrakte, türkisstoffliche Spalte freigibt – durchaus erinnernd an einen geöffneten Schoß.
Geht der Blick weiter zur Bildunterkante verschieben sich mit einem Mal die Bildebenen: Der vermeintlich abstrakt textile Hintergrund erweist sich als ein tatsächlicher, ganz konkreter Schoß, als ein geschlossener, auf dem die Fotografie des zerstörten Treppenhauses aufliegt. Seltsam intim ist dieser Moment, in dem das Bild umschlägt und aus dem in der Abstraktion erahnten Schoß unvermutet ein gegenständlicher wird: der Schoß der Künstlerin, den sie aus ihrem Blickwinkel (Point of View) fotografierte.

3.
„Der Saft des Melancholikers ist die schwarze Galle, er ist auditiver Mensch des Ohres und sollte nur selten Bittersüßes essen; der Saft des Sanguinikers ist das Blut, er ist Mensch des Mundes und muss sich vor scharfen Speisen hüten; der Saft des Phlegmatikers ist der Schleim, er ist seine Nase, das Bittere steht seinem Temperament entgegen; der Saft des Cholerikers ist die gelbe Galle des Tränenwassers, er ist Augenmensch und sollte salzige Speisen meiden.“

4.
Erinnert mich an diese Fotografie von Wolfgang Tillmans: Love (hands praying), 1987 ist wohl der Titel. Ein ähnlicher Vorgang der Abstraktion des Körpers durch Anschnitt, Anordnung von Textilflächen und einer ex-
tremen Perspektive. Trotzdem bei beiden Fotografien nicht das Gefühl einem bloßen Trick zuzuschauen (denn abstrakt lässt sich ja alles darstellen, wenn man nur nahe genug mit der Kamera herangeht und den Gegenstand hinreichend stark anschneidet). In beiden Bildern wird der Körper der/des Fotografierenden als etwas für sie/ihn selbst letztendlich Unverständliches, Uneinholbares präsentiert. In Falt-und Lehntattoos kommt durch die Ruine ein Aspekt der existenziellen Unruhe hinzu. Eine sich aufbäumende Resignation. Vielleicht auch ein Fatalismus des Körpers, der einen melancholischen Blick auf den Ursprung der Welt (zurück-)wirft.

Text: Nick Koppenhagen