hello



Materialisierung eines Ereignisses –
Erinnern als archäologischer Vorgang

I

Vor einiger Zeit ersteigerte ich ein analoges Diktiergerät. Um es benutzen zu können, habe ich alte Minikassetten aus meinen früheren Anrufbeantwortern reaktiviert. Nach Jahre hörte ich so die Stimme einer Freundin wieder. Es ging um eine Verabredung, lange her. Prompt formulierte sich ein Link zwischen diesem fragmentarischen Kleinststückwerk (der Nachricht auf einer Minikassette) und der Erinnerung an einen ganzen Lebensabschnitt.

Immer wieder finden wir Dinge, die uns an etwas erinnern. Diese Fragmente sind zunächst ein erst einmal Hinweis darauf, dass etwas da war. Im Grunde schaffen Ereignisse ununterbrochen Materialien, die mitunter einzeln sichtbar aber meistens abstrakt bleiben: Spuren, als Ausdünstungen hinausgepustet in den Luftraum, wo sie sich vermischen und als Kondenswasser irgendwo niederlassen. Das Ereignis selbst offenbart sich erst im zweiten Schritt, wenn man die Spur lesen, seine Materialisierung zu deuten vermag. Erinnerung wird zum archäologischen Vorgang. Das Material erlaubt die Vergegenwärtigung von längst Vergangenem und Vergessenem.

II

Bei Ausgrabungen wurden um 1864 nahe des Vesuvs Hohlräume entdeckt. Archäologen füllten die Hohlräume mit Gips. Die Leerstelle ließe sich auch sehen, würde man von oben oder seitlich auf sie blicken. Das Auffüllen jedoch macht sie in ihren Details erst deutlich, ähnlich wie eine Positiv- gegenüber einer Negativform dies vermag. Als man die Form entfernte, konnte man Bims und Asche von ihr abklopfen. So erfolgte in der Ausgrabungsstätte von Pompeji ein Materialisieren dessen, was ehemals lebendig war: Während des Ausbruchs des Vesuvs 79 n.Chr. fegte ein gewaltiger pyroklastischer Strom über die Stadt Pompeji. Menschen und Tiere wurden beim Ausbruch mit Asche und Bims bedeckt. Mit den Jahren zerfielen die Körper und hinterließen die Hohlräume. Im materialisierten Abbild vergegenwärtigt sich uns nun der Moment der Verschüttung.

III

Ich besitze ein vertrocknetes Reststück Nabelschnur, das bei der Geburt meines Kindes abgetrennt und aus sentimentalen Gründen von mir aufgehoben wurde. Dieses vertrocknete Stück Nabelschnur ist ein verrunzeltes braunes Etwas. Wenn man mich bitten würde, es im Detail aus der Erinnerung aufzuzeichnen, würde es mir nicht gelingen. Weniger an die Form erinnere ich mich als vielmehr an das Ereignis, das damit verbunden ist. Sehe ich mein Kind, erinnert mich dieses dagegen nicht mehr an den Geburtsvorgang, sondern es führt sich selbst mir vor Augen. Das Kind ist seit der Geburt gewachsen, und zwischen uns hat sich in der Aneinanderreihung von Erlebnissen eine komplexe Beziehung gebildet. Die Nabelschnur dagegen hat sich nach ihrer Entstehung in ihrer Stofflichkeit nicht mehr verändert, sie ist Träger des Ereignisses selbst.

IV

Ich hatte die Nachricht vergessen und auch die Verabredung, die daraus resultierte. Beim erneuten Abhören der Nachricht erinnerte mich an ein anderes materialisiertes Fragment eines Ereignisses, das mir die Freundin einst hinterließ.
Ich war bei einer Theateraufführung, in der ich als Laiendarstellerin mitspielte. In der Nacht ging ich im Kostüm zu meiner Freundin. Ihre Liebesbeziehung war soeben zerbrochen. Sie heulte. Sie nahm das Kleid und schnäuzte sich kräftig hinein. Sie hat mir einen Rotzfleck im Kleid hinterlassen.

Version II
Sophie Aigner, 2017



In verschränkten Positionen haben wir die Nacht verbracht.

Ich sitze im Badeanzug neben meiner Großmutter auf einer Bank. Der Badeanzug und die Haare sind nass, ich friere. Das Holz der Bank auf der ich sitze, könnte Splitter in die Pobacken jagen, wenn ich zu sehr hin- und her ruckele. Um mich herum riecht es nach gemähten Gras und Sonnencreme. Kreischend springen Kinder vom Steg ins Wasser.

Das Foto, das ich in meiner Hand halte, zeigt einen Moment, an den ich keinerlei Erinnerung habe. Doch es liefert die Vorlage für ein Bild in meinem Kopf. Dieser mentale Bildraum ist um ein Vielfaches komplexer als die Fotoaufnahme selbst. Ich kann den Moment sehen, fühlen, hören, riechen und auch schmecken.

Ununterbrochen erstellen wir Dinge, die Momente unseres Lebens aufzeichnen. Wir fotografieren uns, sprechen und schreiben uns gegenseitig Nachrichten oder zeichnen uns auf Film auf. Diese Dinge sammeln und archivieren wir, und wir holen sie hervor, um eine Situation vor dem inneren Auge wiederauferstehen zu lassen. Es gibt aber auch Dokumente früherer Generationen, die kollektiv gesammelt und archiviert werden.

Ich befinde mich in Pompeji und besehe die Körperabgüsse der Menschen, die während des Vulkanausbruchs 79 n. Chr. in Pompeji starben. Die Körper der Toten hinterließen aufgrund geologisch-biologischer Vorgänge Negativ-Abdrücke im Stein. Diese Formen wurden viele Generationen später ausgegossen um den Moment des Untergangs dieser Stadt zu visualisieren und zu archivieren. Auf der Ausgrabungsstätte suche ich mithilfe der Abgüsse einen Blick darauf, was in jenen Tagen geschehen sein könnte. Die unterschiedlichen Haltungen und Gesten sind mir vertraut. Das Ducken bei Gefahr oder die Anspannung zur Verteidigung rufe ich ebenso ab wie früh erlernte und individuelle, häufig ausgeführte Bewegungsabläufe. Beispielsweise sehe ich einen Körper mit angewinkelten Knien und mit erhobenem Rücken, das Gesicht nach oben gerichtet und die Hände zusammengefaltet, auf dem Schoß sitzt ein Kind. Ein paar Meter weiter sehe ich eine Person, die sich aus dem Wasser auf ein rettendes Boot hochzuhieven versucht. Gleich daneben wiederum erblicke ich einen weinenden, Staub abhaltenden und zugleich betenden Menschen. Dort ist auch ein hockender Körper mit Knien an der Brust und den Händen vor dem Gesicht.
Wenn wir Bilder aus einer längst vergangenen Zeit betrachten, synchronisieren wir sie mit unseren eigenen Erfahrungen und öffnen sie somit zu Bildern im Kopf. In dem Moment stellt sich ein Link her aus der heutigen Zeitlichkeit in eine vergangene, aus dem jetzigen Raum zu einem entfernten und von dem einen Körper zu einem anderen.

Genauso hockend und vornüber gebeugt saß ich früher immer während des Abhörens neu eingetroffener Nachrichten, die sich auf meinem Anrufbeantworter befanden. Abwechselnd berührte ich mit dem Zeigefinger den Abspielknopf und legte meine Hand dann zurück an mein Knie. Die Mini-Kassette, die im Anrufbeantworter steckte, habe ich kürzlich wiedergefunden, der Anrufbeantworter selbst ist längst entsorgt. In einem Trödelladen habe ich dann ein analoges Diktiergerät gekauft. Die Nachrichten entstammen einer Zeit, an die ich viele Erinnerungen habe, wenn auch wenige im Detail: einzeln erlebte Szenerien gepaart mit vielerlei emotionalen Stimmungen fädeln sich aneinander und bilden das Gesamtpaket dieser Zeit. Vor allem einige Fotoaufnahmen bilden die Vorlagen für viele dieser Erinnerungen. Aber es gibt auch Momentaufnahmen, die einzig in meinem Kopf existieren, emotional prägende Erlebnisse zählen dazu. Ich höre in die Kassette hinein. „Hallo? Bist du da? Ich bleib jetzt einfach mal dran. Ich würd gerne in den Club gehen heute Abend. Kommst du mit?“ Ich sehe mich und meine Freundin: nachts in der mit Neonfarben beleuchteten Bar. Laute Musik, Menschen durch Rauch. Ich liege mit dem Rücken auf einer Couch, der Kopf ist hintenüber gestreckt. Auf einmal ist Sercan über mir: kopfüber habe ich mich in ihn verliebt.

Jedes Bild unserer Erinnerung ist zunächst wie das Still eines Filmes, die jeweiligen Personen wirken wie festgefroren in ihrer Bewegung. Bei jedem erneuten Aufrufen eines dieser Bilder, ergänzt, ersetzt oder verschiebt sich die frühere Erinnerung. Ich kann mich sogar zwingen, den Fortlauf eines Bildes zu erdenken und derart zu beeinflussen, dass sich eine Erzählung aus einzelnen aneinandergereihten Stills ergibt. Manche solcher Bildergeschichten, die häufig ergänzt wurden, haben irgendwann kaum mehr etwas mit dem zu tun, was einst wirklich geschah.
Regelmäßig machen sich jedoch auch dann Bilder bei uns auf, ohne dass wir explizit eine Vorlage hervorholen. Gerüche, ein gefühlter Rest von Körperwärme auf einem Stuhl, Lippenstiftabdrücke am Glas oder Berührungen: vielerlei Signale begegnen uns permanent im Alltag und öffnen assoziativ Bilder und Erinnerungen, ohne dass wir ihr Erschienen steuern könnten.

Gemeinsam erwache ich morgens mit einer Freundin in ihrem Bett. Am Abend zuvor waren wir tanzen gewesen. Der Stempel vom Clubtürsteher, der auf unsere Handgelenke angebracht wurde, befindet sich am Morgen nicht mehr nur am Handgelenk, sondern an Po, Beinen, Füßen, Gesicht. Offenbar haben wir in miteinander verschränkten Positionen die Nacht verbracht. // Zwei Mädchen liegen eng umschlungen beieinander. Der Kopf der einen liegt auf Höhe des Herzens der anderen. Im Gips sind die Arme der beiden miteinander verwachsen, der Kopf wiederum scheint sich wie ein Stempel auf die andere aufzudrücken. Gleich nebenan steht ein Imbisswagen mit frischen Melonen und mit Orangensaft. In den engen Gassen riecht es nach gebackenem Brot. Die Kinder ducken sich gegen die Häuserwände, um die von Eseln gezogenen Karren vorbeizulassen. Das Hufgetrappel der Tiere schlägt gegen die Pflastersteine. Eine Frau liest aus einem Brief vor. Eine Besucherin macht ein Foto von mir.

Version I
Sophie Aigner, 2016



Materie und Material
Dass Materialien und Stoffe verschiedene Dinge sind, wusste auch Josef Albers, der in seinem Vorkursunterricht am Bauhaus Materie- und Materialübungen unterschied. Materie war für ihn die tendenziell unendliche Fülle an Stoffen und Substanzen, die erst in Prozessen des Nutzens, Verwertens und Gestaltens in Materialien verwandelt wird. Am Beginn seines Bauhausunterrichts – den er im Anschluss an das Grundkonzept von Johannes Itten (von 1923 bis 1928 gemeinsam mit Laszlo Moholy-Nagy) entwickelt hatte– stand das möglichst spielerisch-offene, aufmerksam-beobachtende Experimentieren mit verschiedenen Stoffen und deren Eigenschaften. „Durch ungestörtes, unbeeinflusstes, also vorurteilsloses Probieren“ sollte Materie als Material entdeckt werden und die Gestaltenden sich selbst als erfindende Produzenten erfahren. Aber den Zustand eines  wirklich absichtslosen Versuchens zu erreichen, war damals schwer und ist auch heute nicht leicht. Vielleicht ist es auch unmöglich. ?Die Herausforderung Materie und Stoffe, also eine von menschlichen Verwertungsinteressen noch nicht berührte Welt als existent wahrzunehmen, oder zu  imaginieren, bleibt aber aktuell.  Ein einseitig auf möglichst effektive Materialverarbeitung und Herstellung neuer und neuester Produkte zielendes  Gestalterinteresse eröffnet kaum mehr sinnvolle Perspektiven in einer Welt, die offensichtlich ohnehin viel mehr Materie verbraucht und verwertet, als es jede ökologische Vernunft gebietet. Dagegen könnte ein Ansatz, wie ihn Josef Albers und Laszlo Moholy-Nagy im Bauhaus-Vorkurs favorisiert haben, d.h. Material explorativ, sinnlich und assoziativ immer wieder in Frage zu stellen,  die Suche nach Materialeffekten fördern, die nicht nur auf eine kurzfristig nützliche Materialeffizienz orientieren.
[…]
Für den 6. Internationalen  Marianne Brandt Wettbewerb wurden nun erstmals unter einem Gesamtthema, dem der „Material-Effekte“, Gestalter, Fotografen und Experimentatoren aller gestalterischer Disziplinen und künstlerischer Genres gefragt, wie sie sich einen zukunftsfähigen Umgang mit Ressourcen, Stoffen und Materialien vorstellen, wie sie nach Ideen suchen, wie sie die Dinge sehen und ihre Sicht in Fotografien umsetzen können sowie welche konkreten Gestaltungsvorschläge sich in Form von Produkten umsetzen lassen.  Welche Wege in einer Gesellschaft, die sich vielmehr von der Frage nach dem guten Leben und nicht nur nach dem nächsten Produkt leiten lässt, schlagen sie vor? Wie lassen sich gesellschaftliche Veränderungsprozesse denken, darstellen, vermitteln und gestalten, die kulturell und auch politisch wirksam sind und bis hin zur Produktgestaltung reichen können. Wie sehen Suchbewegungen in Richtung einer zukunftsfähigen Moderne aus? Unser auf vielerlei Weise verhängnisvoll zu sein drohendes Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell, hat ja nicht nur zu einem noch nie da gewesenen, hohen Wohlstandsniveau geführt, sondern auch zu wichtigen Standards von Zivilisierung geführt, wie Freiheit, Demokratie, Rechtstaatlichkeit, öffentliche Bildung, Gesundheits- und Sozialversorgung. Wie lassen sich diese Standards aufrechterhalten, wenn zugleich die Zerstörung von Naturräumen und der Verbrauch von Stoffen und Material drastisch begrenzt werden muss?

Gestaltung als Richtungswechsel
Die […] Arbeiten, die in der Ausstellung „Material-Effekte“ als Versuchsanordnungen, fotografische Materialstudien und Produktgestaltungen präsentiert werden, sind keine Ideallösungen oder gar sofort in großem Maßstab umsetzbare Rezepte für eine ressourcenschonende Weltgestaltung. Im Zusammenklang kann die aus den Beiträgen entstandene Ausstellung aber eine komplexe, vielschichtige, ebenso funktional wie poetisch angelegte Suchbewegung aufzeigen, in der die Gestalter und Künstler – in vielerlei Hinsicht ähnlich wie die Gestalter und Künstler am Bauhaus der 1920er Jahre – weniger nach neuen Produkten, sondern vor allem nach Möglichkeiten der Prozessgestaltung, nach Wegen des Erfindens, nach Inspirationen sowie neuen Denk- und Handlungsweisen suchen. Das Spektrum reicht dabei von fotokünstlerischen Untersuchungen zur Vergänglichkeit oder Bewahrung von Individualität (Sophie Aigner) und leiblich-achtsamen Materialerprobungen (z.B. Jeanette Goßlau, Ilka Raupach) über Beispiele für innovatives Materialrecycling (z.B. Tim Mackerodt), Modelle eines ephemeren Precycling-Verfahren (Studio Umschichten), die mit nur geliehenen Materialien arbeiten, bis zu hochtechnologischen Experimenten in Kooperation mit Forschungsunternehmen der Industrie.  Es gibt das Wiederentdecken alter Handwerkstechniken (Anastasiya Koshcheeva) und eine ganze Reihe von Ansätzen, in denen damit experimentiert wird, Stofflichkeit nicht nur äußerlich zu verarbeiten, sondern strukturell neu zu programmieren – wobei auch die scheinbar selbstverständlich gewordene Unterscheidung von materieller und immaterieller Gestaltung in Frage gestellt wird (z.B. Anna Baranowski, Adrianus Kundert,  Demeter Fogarasi, Paula van Brummelen, Marvin Boiko).

Vielleicht könnte man die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten mit dem von Harald Welzer geprägten Begriff des „Transformationsdesigns“ als Ansätze für einen Richtungswechsel beschreiben. Dieser, so Welzer, „stellt das Design nicht nur vor ganz neue Aufgaben, es stellt das Design, wie wir es kennen – als Formensprache der Konsumwirtschaft, als Styling von Produkten – im Kern infrage. Es kommt nämlich nicht darauf an, grundsätzlich falschen Produkten ... ein gutes oder gar grünes Design zu verpassen. Sondern es geht um das Re-Design des Verhältnisses zwischen Rohstoff und Erzeugnis.“  Vielleicht „hätte das Design dann nicht mehr die Aufgabe, unablässig hinzukommende Dinge zu gestalten, sondern die, die man nicht braucht, aus der Welt zu schaffen.“ Vielleicht haben Gestalter aber auch vielmehr die Aufgabe, sich als Experten für die Verwandlung von Materie in Material und von Material in Schönheit neu zu erfinden. Inwieweit können sie ihr Formbewusstsein, ihre Formungsfreude und die Kompetenz für mit Material verbundenen und zu entwickelnden sinnlichen Qualitäten, Erlebnissen und leibliche Erfahrungen an andere Menschen weitergeben? Die Ausstellung „Materialeffekte“ ist auch dazu ein Experiment, bzw. eine Versuchsanordnung.   

Materialeffekte, Marianne-Brandt-Wettbewerb
Industriemuseum Chemnitz, Kunstverein Villa Arte e.V., 2016/2017