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Die Ausstellung »Aufloesung \ Neuordnung« zeigt künstlerische Auseinandersetzungen mit der Ästhetik und Struktur einer digitalisierten Gesellschaft. Deren Werk- und Spielzeuge dienen als Impulse für eine neue künstlerische Sprache.
Zu sehen sind internationale künstlerische Positionen von Sophie Aigner, Michael Bell-Smith, Josh Crowle, Harm van den Dorpel, Martin Kohout, Daniel Pauselius und Andrew Norman Wilson. In ihren Arbeiten untersuchen sie die ästhetischen, sozialen und politischen Konsequenzen der auflösenden Kräfte und Ideologien, die eingebettet sind in die täglich von uns genutzten (internetfähigen) Geräte und Interfaces.
Die Nutzung von an Netzwerken angeschlossenen Geräten und die damit einhergehende Erfassung und Berechnung der Welt als Daten löst die Gesellschaft in kleine, kalkulierbare Entitäten. Durch die digitalen tools werden die Wertesysteme und Regeln der Moderne, ihre Aufteilung in Arbeit und Freizeit, Privatheit und und Öffentlichkeit erodiert und neue Werte naturalisiert. Die Ökonomien und Ideologien, die in der Nutzung von Interfaces, der digitalen tools materiell werden, bleiben indes verborgen – versteckt hinter der Oberfläche der Transparenz und Nutzerfreundlichkeit.
Digitale Oberflächen werden in den Arbeiten von Harm van den Dorpel als Material und Methode genutzt. Das Video »Strategies« bildet den Schaffungsprozess zweier Collagen mithilfe eines selbstgeschriebenen Computerprogramms ab. Bildschirmfotos, Bilder von Tumblr und Found Footage wurden von dem Künstler über einen Zeitraum von zwei Monaten gesammelt und kombiniert mit neu überarbeiteten Handlungsanweisungen von Business-Experten, Martial Arts-Gurus, Softwareentwicklern und Jacques Derrida. Das Computerprogramm fungiert dabei als Methode des »Automatischen Schreibens«.
In der Arbeit »Geilwut« von Sophie Aigner ist der Körper in einer Schleife, in einem immer gleichen Modus von Reaktion-Aktion, aufgesplittert und repräsentiert durch verschiedene Medien und Versatzteilen von Technik.
Aufgelöst hat sich in der Ausstellung auch die Zeitordnung: Die Arbeit »More or less the same (10 minutes)« von Daniel Pauselius besteht aus Uhren, deren Zeiger sich unterschiedlich schnell bewegen, jedoch nicht einfach langsamer oder schneller, sondern sie ändern fast unmerklich immer wieder ihren Rhythmus. Formal an die Weltzeituhren in internationalen Konzernen angelehnt scheinen sie auf die Auflösung fester Arbeitszeiten zu einem Zustand ständiger individueller Verfügbarkeit zu verweisen, auf Verdichtungen und Dehnungen der Zeit.
Die Arbeiten von Martin Kohout untersuchen die absurden Produkte, die das Leben im Kapitalismus einfacher machen sollen. Produkte, die nicht nur helfen zu überleben, wie die Arbeit »Survival Guides for Ballroom Dancers, Renovators, Softball Moms, Working Parents and Troubled Folk in General« verspricht, sondern auch immer besser und produktiver zu werden. In seinen Arbeiten entsteht, wie zb. in den leicht erschlafften »Easy Peas« (Heißkleber-Zeichnungen auf Gymnastikbällen), oft eine Spannung zwischen persönlichen, hingeworfen wirkenden Skizzen und industrieller Präzision.
Michael Bell-Smiths Video »De-employed« zeigt eine Abfolge dynamischer Screen-Effekte. Es wird unablässig geklickt, gewischt, gerissen. Eine Oberfläche explodiert, nur um die nächste Oberfläche sichtbar zu machen. Anfang und Ende gibt es nicht: nur die Transformationen des beinahe Gleichen.
Mit »Jack and Debbie« bringt Josh Crowle zwei parallele, historisch auseinander liegende Erzählungen zusammen: Deborah Harry, Sängerin und Schauspielerin wird am 23. Juli 1985 digitalisiert. Jack, die weibliche Figur im Action-Rollenspiel »Mass Effect« wird am 16. August 2013 materialisiert.
In »Workers leaving the GooglePlex« zeigt Andrew Norman Wilson die Bedingungen der Erzeugung dieser Oberflächen. Die Referenz zum Film »Die Arbeiter verlassen die Fabrik« der Gebrüder Lumiere unterstreicht die Transformationen und gleichzeitig die Kontinuitätslinien in der Organisation von Arbeit, Kapital, Medien und Information.

Text: Lena Brüggemann

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Die Künstlerin im selbstgestrickten Pullover präsentiert der Kamera die auf dem Kopf stehende Fotografie einer Frau und bricht dabei immer wieder unvermittelt in hysterisches Lachen aus. In einem anderen Loop hantiert sie mit einem Motherboard, der vom Gehäuse befreiten Hauptplatine eines Computers. Ein Sprecher aus dem Off zitiert in fragmentarisierten Halbsätzen aus einer Versuchsanordnung, offenbar aus dem Bereich der Verhaltensforschung oder Neurobiologie. Sophie Aigner äußert sich zu ihrer künstlerischen Fragestellung folgendermaßen: „Inwiefern schaffen neue Techniken hier andere Handlungsoptionen, oder werden diese vielmehr im Vorfeld bereits nivelliert? Was dringt in unser tägliches Bewusstsein vor und nimmt tatsächlich Einfluss auf unsere Entscheidungen?
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Fragen nach individueller Autonomie und Selbstbehauptung. Sie stellt ein kämpferisches, wütendes Handeln vor dem Hintergrund dynamischer gesellschaftlicher Entwicklungen zur Diskussion. Dieses Bewusstsein für die tägliche Mühsal und das mögliche Scheitern spiegelt sich in wiederholenden, scheinbar sinnlosen Handlungen. Die aus der Musik, aber auch aus Film und Fotografie bekannten Techniken des Remix und des Sampelns verwendet Sophie Aigner dabei präzise und virtuos. Das Individuum muss sich täglich neue, clevere Lösungen überlegen, um den Anforderungen einer auf Leistung, Tempo, Funktionieren und Gefallen angelegten Gesellschaftsnorm bestehen zu können. Und über allem steht die Frage: Hat der Mensch überhaupt einen freien Willen, oder sind seine Handlungen weitestegehend neuronal oder biochemisch determiniert?
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Text: Nicole Büsing, Heiko Klass