Sophie Aigner



Materialisierung eines Ereignisses –
Erinnern als archäologischer Vorgang

von Sophie Aigner, 2017

I

Vor einiger Zeit ersteigerte ich ein analoges Diktiergerät. Um es benutzen zu können, habe ich alte Minikassetten aus meinen früheren Anrufbeantwortern reaktiviert. Nach Jahre hörte ich so die Stimme einer Freundin wieder. Es ging um eine Verabredung, lange her. Prompt formulierte sich ein Link zwischen diesem fragmentarischen Kleinststückwerk (der Nachricht auf einer Minikassette) und der Erinnerung an einen ganzen Lebensabschnitt.

Immer wieder finden wir Dinge, die uns an etwas erinnern. Diese Fragmente sind zunächst ein erst einmal Hinweis darauf, dass etwas da war. Im Grunde schaffen Ereignisse ununterbrochen Materialien, die mitunter einzeln sichtbar aber meistens abstrakt bleiben: Spuren, als Ausdünstungen hinausgepustet in den Luftraum, wo sie sich vermischen und als Kondenswasser irgendwo niederlassen. Das Ereignis selbst offenbart sich erst im zweiten Schritt, wenn man die Spur lesen, seine Materialisierung zu deuten vermag. Erinnerung wird zum archäologischen Vorgang. Das Material erlaubt die Vergegenwärtigung von längst Vergangenem und Vergessenem.

II

Bei Ausgrabungen wurden um 1864 nahe des Vesuvs Hohlräume entdeckt. Archäologen füllten die Hohlräume mit Gips. Die Leerstelle ließe sich auch sehen, würde man von oben oder seitlich auf sie blicken. Das Auffüllen jedoch macht sie in ihren Details erst deutlich, ähnlich wie eine Positiv- gegenüber einer Negativform dies vermag. Als man die Form entfernte, konnte man Bims und Asche von ihr abklopfen. So erfolgte in der Ausgrabungsstätte von Pompeji ein Materialisieren dessen, was ehemals lebendig war: Während des Ausbruchs des Vesuvs 79 n.Chr. fegte ein gewaltiger pyroklastischer Strom über die Stadt Pompeji. Menschen und Tiere wurden beim Ausbruch mit Asche und Bims bedeckt. Mit den Jahren zerfielen die Körper und hinterließen die Hohlräume. Im materialisierten Abbild vergegenwärtigt sich uns nun der Moment der Verschüttung.

III

Ich besitze ein vertrocknetes Reststück Nabelschnur, das bei der Geburt meines Kindes abgetrennt und aus sentimentalen Gründen von mir aufgehoben wurde. Dieses vertrocknete Stück Nabelschnur ist ein verrunzeltes braunes Etwas. Wenn man mich bitten würde, es im Detail aus der Erinnerung aufzuzeichnen, würde es mir nicht gelingen. Weniger an die Form erinnere ich mich als vielmehr an das Ereignis, das damit verbunden ist. Sehe ich mein Kind, erinnert mich dieses dagegen nicht mehr an den Geburtsvorgang, sondern es führt sich selbst mir vor Augen. Das Kind ist seit der Geburt gewachsen, und zwischen uns hat sich in der Aneinanderreihung von Erlebnissen eine komplexe Beziehung gebildet. Die Nabelschnur dagegen hat sich nach ihrer Entstehung in ihrer Stofflichkeit nicht mehr verändert, sie ist Träger des Ereignisses selbst.

IV

Ich hatte die Nachricht vergessen und auch die Verabredung, die daraus resultierte. Beim erneuten Abhören der Nachricht erinnerte mich an ein anderes materialisiertes Fragment eines Ereignisses, das mir die Freundin einst hinterließ.
Ich war bei einer Theateraufführung, in der ich als Laiendarstellerin mitspielte. In der Nacht ging ich im Kostüm zu meiner Freundin. Ihre Liebesbeziehung war soeben zerbrochen. Sie heulte. Sie nahm das Kleid und schnäuzte sich kräftig hinein. Sie hat mir einen Rotzfleck im Kleid hinterlassen.

jovis.de