Sophie Aigner



In verschränkten Positionen haben wir die Nacht verbracht.

Ich sitze im Badeanzug neben meiner Großmutter auf einer Bank. Der Badeanzug und die Haare sind nass, ich friere. Das Holz der Bank auf der ich sitze, könnte Splitter in die Pobacken jagen, wenn ich zu sehr hin- und her ruckele. Um mich herum riecht es nach gemähten Gras und Sonnencreme. Kreischend springen Kinder vom Steg ins Wasser.

Das Foto, das ich in meiner Hand halte, zeigt einen Moment, an den ich keinerlei Erinnerung habe. Doch es liefert die Vorlage für ein Bild in meinem Kopf. Dieser mentale Bildraum ist um ein Vielfaches komplexer als die Fotoaufnahme selbst. Ich kann den Moment sehen, fühlen, hören, riechen und auch schmecken.

Ununterbrochen erstellen wir Dinge, die Momente unseres Lebens aufzeichnen. Wir fotografieren uns, sprechen und schreiben uns gegenseitig Nachrichten oder zeichnen uns auf Film auf. Diese Dinge sammeln und archivieren wir, und wir holen sie hervor, um eine Situation vor dem inneren Auge wiederauferstehen zu lassen. Es gibt aber auch Dokumente früherer Generationen, die kollektiv gesammelt und archiviert werden.

Ich befinde mich in Pompeji und besehe die Körperabgüsse der Menschen, die während des Vulkanausbruchs 79 n. Chr. in Pompeji starben. Die Körper der Toten hinterließen aufgrund geologisch-biologischer Vorgänge Negativ-Abdrücke im Stein. Diese Formen wurden viele Generationen später ausgegossen um den Moment des Untergangs dieser Stadt zu visualisieren und zu archivieren. Auf der Ausgrabungsstätte suche ich mithilfe der Abgüsse einen Blick darauf, was in jenen Tagen geschehen sein könnte. Die unterschiedlichen Haltungen und Gesten sind mir vertraut. Das Ducken bei Gefahr oder die Anspannung zur Verteidigung rufe ich ebenso ab wie früh erlernte und individuelle, häufig ausgeführte Bewegungsabläufe. Beispielsweise sehe ich einen Körper mit angewinkelten Knien und mit erhobenem Rücken, das Gesicht nach oben gerichtet und die Hände zusammengefaltet, auf dem Schoß sitzt ein Kind. Ein paar Meter weiter sehe ich eine Person, die sich aus dem Wasser auf ein rettendes Boot hochzuhieven versucht. Gleich daneben wiederum erblicke ich einen weinenden, Staub abhaltenden und zugleich betenden Menschen. Dort ist auch ein hockender Körper mit Knien an der Brust und den Händen vor dem Gesicht.
Wenn wir Bilder aus einer längst vergangenen Zeit betrachten, synchronisieren wir sie mit unseren eigenen Erfahrungen und öffnen sie somit zu Bildern im Kopf. In dem Moment stellt sich ein Link her aus der heutigen Zeitlichkeit in eine vergangene, aus dem jetzigen Raum zu einem entfernten und von dem einen Körper zu einem anderen.

Genauso hockend und vornüber gebeugt saß ich früher immer während des Abhörens neu eingetroffener Nachrichten, die sich auf meinem Anrufbeantworter befanden. Abwechselnd berührte ich mit dem Zeigefinger den Abspielknopf und legte meine Hand dann zurück an mein Knie. Die Mini-Kassette, die im Anrufbeantworter steckte, habe ich kürzlich wiedergefunden, der Anrufbeantworter selbst ist längst entsorgt. In einem Trödelladen habe ich dann ein analoges Diktiergerät gekauft. Die Nachrichten entstammen einer Zeit, an die ich viele Erinnerungen habe, wenn auch wenige im Detail: einzeln erlebte Szenerien gepaart mit vielerlei emotionalen Stimmungen fädeln sich aneinander und bilden das Gesamtpaket dieser Zeit. Vor allem einige Fotoaufnahmen bilden die Vorlagen für viele dieser Erinnerungen. Aber es gibt auch Momentaufnahmen, die einzig in meinem Kopf existieren, emotional prägende Erlebnisse zählen dazu. Ich höre in die Kassette hinein. „Hallo? Bist du da? Ich bleib jetzt einfach mal dran. Ich würd gerne in den Club gehen heute Abend. Kommst du mit?“ Ich sehe mich und meine Freundin: nachts in der mit Neonfarben beleuchteten Bar. Laute Musik, Menschen durch Rauch. Ich liege mit dem Rücken auf einer Couch, der Kopf ist hintenüber gestreckt. Auf einmal ist Sercan über mir: kopfüber habe ich mich in ihn verliebt.

Jedes Bild unserer Erinnerung ist zunächst wie das Still eines Filmes, die jeweiligen Personen wirken wie festgefroren in ihrer Bewegung. Bei jedem erneuten Aufrufen eines dieser Bilder, ergänzt, ersetzt oder verschiebt sich die frühere Erinnerung. Ich kann mich sogar zwingen, den Fortlauf eines Bildes zu erdenken und derart zu beeinflussen, dass sich eine Erzählung aus einzelnen aneinandergereihten Stills ergibt. Manche solcher Bildergeschichten, die häufig ergänzt wurden, haben irgendwann kaum mehr etwas mit dem zu tun, was einst wirklich geschah.
Regelmäßig machen sich jedoch auch dann Bilder bei uns auf, ohne dass wir explizit eine Vorlage hervorholen. Gerüche, ein gefühlter Rest von Körperwärme auf einem Stuhl, Lippenstiftabdrücke am Glas oder Berührungen: vielerlei Signale begegnen uns permanent im Alltag und öffnen assoziativ Bilder und Erinnerungen, ohne dass wir ihr Erschienen steuern könnten.

Gemeinsam erwache ich morgens mit einer Freundin in ihrem Bett. Am Abend zuvor waren wir tanzen gewesen. Der Stempel vom Clubtürsteher, der auf unsere Handgelenke angebracht wurde, befindet sich am Morgen nicht mehr nur am Handgelenk, sondern an Po, Beinen, Füßen, Gesicht. Offenbar haben wir in miteinander verschränkten Positionen die Nacht verbracht. // Zwei Mädchen liegen eng umschlungen beieinander. Der Kopf der einen liegt auf Höhe des Herzens der anderen. Im Gips sind die Arme der beiden miteinander verwachsen, der Kopf wiederum scheint sich wie ein Stempel auf die andere aufzudrücken. Gleich nebenan steht ein Imbisswagen mit frischen Melonen und mit Orangensaft. In den engen Gassen riecht es nach gebackenem Brot. Die Kinder ducken sich gegen die Häuserwände, um die von Eseln gezogenen Karren vorbeizulassen. Das Hufgetrappel der Tiere schlägt gegen die Pflastersteine. Eine Frau liest aus einem Brief vor. Eine Besucherin macht ein Foto von mir.

Sophie Aigner, 2016

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